Hauptsache, irgendjemand ist schuld

Kennen Sie das? Irgendetwas läuft schief oder klappt nicht so, wie wir es uns gedacht haben - und als erste Reaktion suchen wir nach irgendwem, der die Schuld daran trägt. Das können andere Menschen sein, es können die Umstände sein oder man kann es auch selbst sein. Heraus kommt dabei auf jeden Fall ein Urteil - über mich oder über andere. Und auf keinen Fall löst diese Strategie irgendein Problem. Doch was kann man tun?

Die Schuld - eine Geschichte seit Jahrtausenden

Die Geschichte der Schuld ist tief in uns Menschen verwurzelt. Das Dilemma ging schon mit Adam und Eva los - hätte Sie doch bloß nicht auf die Schlange gehört. Nun, der Rest ist Geschichte. Dieses Motiv der Schuld zieht sich quer durch die Menschheitsgeschichte. Auch und gerade in der Entwicklung der drei großen Weltreligionen. Jemanden in Schuld zu stellen hat einen hochwirksamen Effekt - nämlich einen Machtzuwachs. Entsprechend wurde das in der der Geschichte der Menschheit immer wieder eingesetzt. Im Großen wie im Kleinen. Manchmal gegen einzelne Personen und manchmal eben auch gegen ganze Gruppen. Der Holocaust oder auch die migrantenfeindliche Stimmung der letzten Jahre sind nur zwei von unendlich vielen großen Beispielen. Tagtäglich erleben wir das im Beruf, in der Schule, in der Politik und in den Medien. Aber auch im Privaten findet das tagtäglich statt. Zum Beispiel in Paarbeziehungen, in der Kindererziehung oder in der Schule. So lernen Kinder schon früh eine nicht wirklich förderliche Strategie, mit Problemstellungen umzugehen - sie suchen einen Schuldigen und weisen selbst alle Verantwortung für eine Situation von sich. Ich kann das gerade live bei zwei 12jährigen Jungs beobachten. Alle sind irgendwie verantwortlich für einen misslichen Umstand - nur sie selbst sind dem einfach nur ausgeliefert. So nehmen sie es zumindest wahr.

Aus Schuldigen werden Opfer

Das ist eine schwierige Situation. Denn der kurzfristigen Erleichterung in einer Drucksituation durch den Verweis auf andere folgt die Verfestigung des Gedankens, dass man selbst ja nichts machen und ändern könne. Es entsteht eine passive Haltung, die sich zu einer Opferrolle auswachsen kann. Im Ergebnis haben wir einen Menschen, der keinerlei Selbstwirksamkeit empfindet und damit in einer wenig zufriedenstellenden Position verbleibt. Manchmal ein Leben lang. Das frustriert und macht wütend. Und da wundert sich noch jemand über die viele Wut und Aggression auf unseren Straßen oder in den sogenannten sozialen Medien?

Alles wird gut - und Du bist schuld

Gefahr erkannt? Gefahr gebannt? Nun, es ist zumindest ein erster Schritt, sich gedanklich damit auseinanderzusetzen und dem Gefühl nachzuspüren, wie es wäre, wenn man keine Schuld hat. Wenn überhaupt niemand Schuld an etwas hat.

Mich hat das sehr erleichtert. Denn anstelle der Schuld kann ich auch darüber nachdenken, was mein Teil der Verantwortung für eine Situation oder einen Umstand ist. Das fühlt sich schon ganz anders an. Denn das versetzt mich in die Lage, etwas zu verändern. Statt Schuld, Scham, Zwang oder Verpflichtung rückt wieder in den Fokus, ob und wenn ja welchen Teil der Verantwortung ich trage. Und wenn das klar ist, kann ich etwas unternehmen. Klingt abstrakt - ist aber eigentlich ganz einfach.

Mir geht es nicht gut - dann habe ich nicht genug auf mich geachtet

Der erste Schritt ist es, dass ich die Verantwortung für mich selbst übernehmen. Und zwar nicht ein bisschen, sondern voll und ganz. In allen positiven wie negative Aspekten. Ich habe über viele Jahre gelernt, dass es niemanden gibt, der an meiner schlechten Laune Schuld sein kann. Denn letztlich entscheide ich ja selbst darüber, ob ich mich über meine Frau, die Kinder, den Kunden oder sonstwen ärgere oder eben nicht. Wobei das "sich nicht ärgern" nicht ganz richtig ist. Klar ärgere ich mich, beispielsweise wenn Absprachen nicht eingehalten werden. Allerdings kommt mir dann auch ganz schnell der Gedanke, was ich nun für mich tun kann, um mich nicht mehr zu ärgern. Denn mit meinem Ärger über jemanden anderen wird ja die nicht eingehaltene Absprache nicht plötzlich wieder verbindlich. Also: Selbstempathie ist gefragt und damit sind wir der Lösung schon einen ganzen Schritt näher.

Wenn ich so richtig unter Druck stehe, viele Termine habe oder auch einfach nur ein bisschen müde und reizbar bin - wer trägt die Verantwortung dafür? Ich natürlich, denn ich bin ja ein volljähriger Mensch. Heißt: Empfinde ich Ärger, habe ich nicht genug auf mich aufgepasst. Das kann ich jederzeit ändern - wenn ich es denn will. Es liegt also bei mir selbst und niemals bei meinem Gegenüber. Das eröffnet mir die wunderbare Welt der Möglichkeiten. Ich kann aktiv werden und muss nicht passiv ertragen, was rund um mich herum geschieht. Ich kann aus eigener Erfahrung sagen: Eine blöde Situation bleibt eine blöde Situation - doch es fühlt sich ganz anders an, wenn ich die Verantwortung für meine Gefühle übernehme und für mich überlege, welche Optionen ich habe, die für mich unangenehme Situation zu verändern.

Mehr Eigenverantwortung - weniger Schuldsuche. Das kann das eigene Leben zum Guten verändern. Nur eines geht dann leider nicht mehr - Jammern. Das erfreut sich ja großer Beliebtheit. Insbesondere in so reichen Gesellschaften wie unserer. Jammern hat auch eine wichtige psychologische Funktion. Doch das ist ein anderes Thema an einem anderen Tag.

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